Rostock – Helsinki

Törnbericht: Rostock – Helsinki | Mai / Juni 2007 | Anbieter: Segelreisen Hering |

Sonntag, 27.05.

Windjammer in Warnemünde

Windjammer in Warnemünde

Wir legen früh am Morgen ab und lassen die Windjammer, die sich hier zur Parade versammelt haben, in Warnemünde zurück. Wir haben uns einiges vorgenommen: Von Rostock nach Helsinki über Gotland und Riga in 14 Tagen. Der Himmel ist bedeckt, aber zum Glück regnet es nicht. Unser erstes Ziel dieser Reise soll Rønne auf Bornholm sein. Ohne Zwischenstopp. Dafür fehlt einfach die Zeit. Kein Lüftchen weht. Das heißt unter Motor fahren. An uns zieht die schöne Küste Mecklenburg-Vorpommerns im Dunst vorbei. Die Tage sind jetzt Ende Mai schon länger, aber noch kühl. Wir kochen erst am frühen Abend ein paar Würstchen. Dazu gibt es Kartoffelsalat. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht… aber darüber später.

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Wir haben Kap Arkona auf Rügen querab, als endlich Wind aufkommt – leider genau aus Richtung Bornholm. Langsam baut sich eine Welle auf, gegen die wir nun direkt anfahren müssen. Immer wieder hebt sich der Bug und senkt sich danach ins Wellental. Erinnerungen an meine Fahrt über die Straße von Bonifacio kommen in mir auf und ich befürchte Schlimmes. Ich bleibe extra lange auf, um mich nicht mit vollem Magen in die Koje legen zu müssen. Der fettige Kartoffelsalat will einfach nicht weiterwandern und schlägt dann die falsche Richtung ein. Zum Glück werde ich dabei nicht so apathisch wie zwischen Sardinien und Korsika, aber es reicht, um für die Wache heute Nacht auszufallen. Der Skipper schickt mich in die Koje. Ich klemme einen Gummistiefel hinter die Salontür. So kann er unter keinen Umständen umfallen. Ich stecke eine Plastiktüte hinein. Mit diesem Trick bleibt wenigstens die Kabine sauber. Zu allem Überfluss liege ich auch noch in der Bugkabine und habe das Gefühl bei jeder Welle zehn Zentimeter über die Matratze zu fliegen. Irgendwann übermannt mich der Schlaf.

Montag, 28.05.

Gegen 05.00 Uhr morgens erreichen wir Rønne. Die ersten Yachten laufen gerade aus. Vielleicht sind sie gestern spät angekommen, als der Hafenmeister schon weg war und sparen sich jetzt das Hafengeld. Um 07.00 Uhr stecke ich den Kopf aus dem Niedergang.

Auf der Straße oberhalb des Hafens erscheinen drei Gestalten in weißen Bademänteln und violetten Badekappen. Ihre Füße verschwinden hinter der niedrigen Hafenmauer und so scheint es, als würden sie durch den Morgendunst schweben. Am Strand steigen die drei Grazien um die siebzig ins eisige Meer. Sie schwimmen eine Runde und verschwinden dann genau so skurril wie sie gekommen sind. Jetzt zieht Nebel auf. Warme Luft strömt über die kalte Ostsee.

Nebel in Rønne

Nebel in Rønne

Langsam kommt wieder Leben ins Schiff. Ich entsorge schnell meine Plastiktüte an Land und habe beim Frühstück einen ernormen Hunger. Nach der Backschaft ordnet der Skipper einen Landgang an. Leider ist Pfingstmontag und Rønne sozusagen geschlossen. Gerne würde ich jetzt noch ein wenig die Insel erkunden, aber wir müssen weiter. Die nächste Crew wartet in Helsinki auf das Schiff. Und Helsinki ist noch weit.

Zurück am Hafen hat sich der Nebel aufgelöst und als wir die Hafeneinfahrt erreicht haben, kommt sogar die Sonne heraus. Der Skipper hat entschieden, südlich um Bornholm zu gehen. Wir segeln ganz gemütlich. Die Stimmung ist ausgelassen. Über das Funkgerät kommen nach und nach immer mehr Meldungen von Yachten in Schwierigkeiten. Wir können das nicht verstehen und machen unsere Witze.

Der Horizont wird seltsam milchig und der Wind wird immer schwächer, als uns auf einmal der Nebel verschluckt. Eben noch in Badehose auf dem Deck, müssen sich jetzt alle warm anziehen. Gerade rechtzeitig, denn auf einmal geht es los. Der Wind frischt auf – mal wieder aus der falschen Richtung. Wir haben ordentlich zu kämpfen. Das zweite Reff folgt sofort dem ersten. Wir kommen einfach nicht weiter. Die Sicht ist gleich null. Der Skipper sieht nach ein paar Stunden Kampf keinen anderen Ausweg, als das Ziel zu ändern. Eigentlich sollte der Törn zwischen Öland und der schwedischen Küste und dann hinüber nach Gotland gehen. Wir könnten versuchen nach Christiansø zu kommen und dort auf besseres Wetter zu warten. Bei Nordwind ist dieser Hafen allerdings nicht zu empfehlen. An der Insel ankern ist dem Skipper bei diesem Wetter zu riskant. Bei diesen Bedingungen und dem Tempo schaffen wir es nie rechtzeitig nach Helsinki. Also wird beschlossen nach Litauen zu segeln und von da in die Bucht von Riga.

Zwei Stunden haben wir diesen Kurs genommen, als einer bemerkt, dass das Vorsegel eingerissen ist – zum Glück bisher nur an einer Naht. Die Genua wird eingerollt. Mit einem Segel kommen wir nie bis Litauen. Also wenden wir, laufen vor dem Wind ab zurück nach Bornholm. Erst am späten Abend kommen wir in Neksø an. Ein weiter Weg durchs Wasser. Ein kurzer über Grund. Unsere Yacht ist zu lang für die noch freien Boxen und so müssen wir an der Fischereipier längsseits gehen. Wir schlagen die Fock ab. Während wir kochen, geht der Skipper auf die Suche nach einem Segelmacher. Es gibt tatsächlich einen. Ein hilfsbereiter Hafenmitarbeiter ruft ihn an und macht einen Termin für den nächsten Morgen um 07.00 Uhr aus.

Dienstag, 29.05.

Neksø

Neksø

Um 07.30 Uhr ist der Skipper pünktlich zum Frühstück mit dem reparierten Segel zurück. Die Wellen klatschen nur so an die Hafenmauer, aber wir müssen raus. Den Dieseltank haben wir in den letzten Tagen fast komplett leer gefahren. Also erst einmal an die Zapfsäule. Draußen ist es ungemütlich. Irgendwann kommt wieder Nebel auf. Die See ist grau und unruhig. Eine Yacht meldet über Funk Probleme mit der Fock. Sie gibt alle fünf Minuten ihre Position durch, bis von einem russischen Frachter der ungehaltene Hinweis kommt, den Kanal 16 für Notfälle frei zu halten. Inzwischen ist kaum noch etwas zu sehen. Wir haben die Segel wieder gesetzt. Ich soll ans Radar gehen und dort Ausguck halten. Das Wort Radar habe ich zu diesem Zeitpunkt zwar mal irgendwo gehört, aber das war es auch schon. In einem Film habe ich einmal gesehen, dass sich da ein weißer Strich auf einem Bildschirm im Kreis dreht. Der Skipper sieht ein, dass ich vielleicht nicht der richtige Mann für diese wichtige Aufgabe bin. Also kann ich an Deck bleiben und bin somit erst einmal vor weiteren Anfällen von Seekrankheit verschont.

Vom Navigator werden jetzt immer wieder Hindernisse gemeldet, die er auf dem Radar sieht. Wir versuchen Ihnen mit Wenden auszuweichen. Wir sehen aber nichts. Der Nebel ist einfach zu dicht. Ständig tauchen wieder neue Ziele auf dem Bildschirm auf, die wir uns einfach nicht erklären können. Erst als wir ganz dicht an einer Fischereiboje vorbeikommen, geht uns ein Licht auf. Sie ist mit einem Radarreflektor versehen, der dem Fischer das Wiederfinden seiner Netze erleichtern soll.

Es wird dunkel und der Wind lässt nach. Die Segel werden eingeholt und der Motor eingeschaltet. Der Nebel wird immer dichter. Man kann kaum noch den Bug sehen. Alle zwei Minuten geben wir Schallsignal. Ich drücke aus Gewohnheit und Monotonie heraus einmal lang und zweimal kurz auf den Knopf, obwohl wir ja jetzt Motorfahrzeug sind und ernte den bösen Blick des Skippers. Irgendwann versuche ich mich in die Geheimnisse des Radars einweisen zu lassen, als plötzlich ein sehr großes Ziel mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbeirauscht. Es ist aber nichts zu hören, geschweige denn zu sehen. Wasserhose oder Schnellfähre sind die Erklärungsversuche. Keine Ahnung. Es war jedenfalls unheimlich.

Mittwoch, 30.05.

Wir fahren die ganze Nacht durch. Mal wieder unter Motor. Gegen den Wind oder ganz ohne. Ich habe keine Erinnerung mehr daran. Auch nicht an den folgenden Tag. Wahrscheinlich war ich wieder seekrank. Irgendwann aber passiert es: Der Steuermann steht am Rad der Doppelruderanlage an Backbord und sein Nachfolger will an Steuerbord übernehmen. Er gibt das Zeichen, dass er jetzt bereit ist und dreht am Steuerrad, um die Tendenz des Bugs nach Luv auszugleichen, die sofort einsetzt, als sein Vorgänger an Backbord losgelassen hat. Nichts passiert. Der Bug geht weiter in den Wind. Es setzt ein wildes Hin- und Herdrehen ein, aber es ist zwecklos: Ruderschaden! Geistesgegenwärtig greift der Skipper in das Backbordrad. Puh! Zur Erleichterung der gesamten Crew hat dieses noch Kontakt zum Ruder und das Schiff kann wieder stabilisiert werden. Aber wie lange wird das gut gehen? Sofort steigen der Skipper und ein Helfer in die Backskiste, um die Kettenführung zu überprüfen. Es ist furchtbar eng dort unten. Dunkelheit und Seegang machen das Arbeiten schwer. Es stellt sich heraus, dass irgendein Teil der Kettenführung herausgebrochen ist. Es hat den Belastungen der letzten Tage einfach nicht mehr Stand gehalten. Ich werde eingeladen mir den Schaden anzusehen, aber ich verzichte. Dort in der Enge, am besten mit dem Kopf nach unten, ist die Seekrankheit schon vorprogrammiert. Natürlich haben wir das passende Ersatzteil nicht an Bord. Es wird mit einem Stück Draht überbrückt und das Rad dreht sich wieder mit. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass alles bis zum nächsten Hafen hält.

Am Abend erreichen wir den kleinen Fischerhafen Grönhögen auf der Westseite der Südspitze von Öland. Vom Ort sehen wir nichts. Zum Duschen sind wir zu müde und am nächsten Morgen bleibt dafür keine Zeit.

Donnerstag, 31.05.

Es geht unter Motor den Ölandsund hinauf, bis wir Kalmar erreichen. Zum Glück ist die See ruhig und das Ruder wird nicht mehr bis aufs Äußerste belastet. An den Gastliegeplätzen muss man mit dem Heck an die Pier gehen und auf dem Weg dahin eine Mooringboje einfangen. Da wir so viele Nächte durchgefahren sind und selten angelegt haben, klappt es nicht auf Anhieb mit der Koordination des Manövers. Beim ersten Versuch ist die Boje zu nah an der Hafenmauer für unser langes Schiff und alles muss noch einmal wiederholt werden.

Der Skipper schaut sich dann nach Ersatzteilen für die Dinge um, die während unserer Überfahrt so kaputt gegangen sind. Ein Teil der Crew geht einkaufen, die anderen bunkern Wasser und alle freuen sich auf eine Dusche. Am späten Vormittag steht dann ein Gang durch die Stadt auf dem Programm.

Ölandsbron

Ölandsbron

Am frühen Nachmittag sind wir schon wieder auf dem Wasser und fahren unter Motor unter der Ölandsbron hindurch in den Kalmarsund ein. Die Fahrt zieht sich. Die Küste Ölands zieht grau an uns vorbei. Es ist diesig, der Motor brummt und die kühle Feuchtigkeit kriecht unter das Ölzeug.

Freitag, 01.06.

Irgendwann am gestrigen Abend haben wir die Nordspitze von Öland umrundet. Jetzt kommt wieder Nebel auf, aber wir können endlich Segel setzen und Kurs auf Gotland nehmen. Wir kreuzen eine der meist befahrenen Meerengen der Ostsee. Alle, die von Süden nach Stockholm wollen oder von dort kommen, gehen hier durch. Frachter, Fahrgastschiffe und ganz tückisch: die Schnellfähren, die mit ihren Doppelrümpfen durch das Wasser rauschen. Dazu kommen noch die Fähren, die uns nach Gotland folgen oder von dort kommen. Im Nebel bleiben uns nur das gierende Rigg und der kleine Reflektor, um auf den Radarschirmen der Großschifffahrt aufzufallen. Es ist unheimlich, aber auch wahnsinnig spannend.

rostock_helsinki_2007_05

Am späten Vormittag erreichen wir Visby. Mit uns legt eine dieser schwimmenden Ungeheuer an und wühlt mit seinen Jetantrieben das gesamte Hafenwasser auf. Unser Skipper hat einen alten Bekannten, der auf Gotland lebt, als Stadtführer organisiert. Leider zeigt sich die wunderbare Altstadt nicht von ihrer besten Seite. Es regnet und vom schönsten Aussichtspunkt schauen wir nur in Dunst. Trotzdem ist es beeindruckend und ich beschließe, auf jeden Fall noch einmal her zu kommen.

rostock_helsinki_2007_06

Nach der Führung kaufen wir noch etwas ein und legen am Nachmittag schon wieder ab. Alle sind müde von der Nachtfahrt und wollen sich ausruhen. Deshalb darf ich als Greenhorn endlich mal ans Steuer. Wir wollen heute noch den Fårösund im Norden der Insel erreichen und morgen den Sprung über die Ostsee in die Bucht von Riga wagen.
Der Wind kommt mal wieder aus der Richtung, in die wir wollen.

Kreuzen dauert zu lange, deshalb fahren wir unter Motor. Wir halten auf ein Kap nördlich von Visby zu, als wir aus dessen Lee herausfahren und sich plötzlich eine unheimliche Grundsee aufbaut. Der Bug steigt auf und knallt ins Tal. Nach der zweiten Welle tauchen wir durch. Wasser dringt in den offenen Niedergang. Ich bin mit der Situation völlig überfordert und kann die Ereignisse somit nicht ganz sachlich wiedergeben. Deshalb habe ich sie noch einmal hier detailliert unter der Rubrik „Seemannsgarn“ beschrieben.

Ein Crewmitglied übernimmt das Steuer und führt die Yacht in ruhigere Gewässer. In absoluter Dunkelheit erreichen wir kurz vor Mitternacht den Fårösund. Wir wollen in einen kleinen Yachthafen, finden ihn aber nicht. Die Einfahrten sind nicht befeuert, nur die Straßenlaternen leuchten und die sehen an der ganzen Küste gleich aus. Wir versuchen es einfach. Inzwischen ist ordentlich Wind aufgekommen, so dass die Manöver nicht mehr ganz einfach sind. Wir erwischen die falsche Einfahrt. Im Hafenhandbuch, das auf dem Cockpittisch liegt, ist somit die verkehrte Seite aufgeschlagen. In welchem Hafen sind wir jetzt? Ohne Namen finden wir auch keinen Plan. Der Steuermann fährt ohne groß nachzudenken um eine hohe Betonpier herum, an der ein paar Fischerboote liegen. Wir gehen in Lee an der Mauer längsseits.

Wir sind im kleinen Fährhafen zwischen Gotland und Fårö gelandet. Es gibt keine Duschen und Toiletten. Jedenfalls ist nichts geöffnet. Der Skipper geht zu Fuß zu dem nicht weit entfernten Yachthafen und schaut sich dort die Lage an. Der Wind pfeift, keiner hat mehr Lust abzulegen und erneut das Risiko einer Anfahrt in der Dunkelheit einzugehen. Wie wir jetzt auf dem Hafenplan sehen, haben wir beim Umrunden der Pier großes Glück gehabt, dass wir nicht aufgelaufen sind. Froh, dass das Schiff endlich ruhig liegt, fallen wir erledigt in die Kojen.

Samstag, 02.06.

Wir werden durch herrlichen Sonnenschein geweckt. Das erste Mal auf dieser Reise! Ab jetzt wird sie uns nur noch in den kurzen Nachtstunden verlassen. Es geht auf Mittsommernacht zu und die Tage werden lang. Es weht ein ordentlicher Segelwind aus NNO und wir freuen uns auf einen herrlichen Törn über die Ostsee hinüber nach Lettland. Im Fårösund ist die See noch ruhig, aber nach dem zweiten Sonnenschuss binden wir doch das erste Reff ein. An uns ziehen die von den Gletschern der Eiszeit glatt geschliffenen Felsküsten von Gotland und Fårö vorbei. Plötzlich öffnet sich vor uns die weite Ostsee, die Baltic Sea. Das Baltikum ist heute unser Ziel. Die Jacht zieht ruhig ihre Bahn durch die mit kleinen Schaumkronen verzierten Wellen. Die Stimmung an Bord ist ausgelassen. Endlich segeln – nach so vielen Tagen und Nächten unter Motor. Es ist herrlich! Jeder will jetzt einmal ans Steuer und dieses Erlebnis genießen. Ansonsten ist das Bordleben entspannt. Der Skipper findet sogar Zeit, uns den Sextanten zu erklären. Irgendwann ist das Land hinter uns verschwunden. Aber es gilt die Augen offen zu halten. Wieder einmal kreuzen wir einen der meist befahrenen Schifffahrtswege der Ostsee. Alle Fähren und Frachter von und nach Helsinki, St. Petersburg, Riga und Tallinn gehen hier durch. Ich bin beeindruckt von den vielen Schiffen mit ihren teils merkwürdigen Aufbauten und ihrer unterschiedlichen Fracht. Wir versuchen Herkunftsland und Bestimmungsland zu erraten. Unser Skipper erweist sich dabei als besonders fachkundig.

An unsere Steuerbordseite erscheint weit entfernt eine große weiße Ostseefähre. Ich schaue durchs Fernglas und bestimme die Peilung auf dreißig Grad. Die Fähre wird größer. Die Peilung steht. Schien es erst als würde sie den gleichen Kurs wie wir aber parallel zu uns fahren, dreht sich jetzt ihr Bug langsam immer weiter in unsere Richtung. Die Peilung steht immer noch. Das Schiff kommt jetzt genau auf uns zu. Der Skipper geht ans Funkgerät und ruft nach einer „big white ferry at our starboard side“. Es meldet sich jemand. „We are the little sailboat on your port side. Do you see us?“ fragt der Skipper. „Yes!“ kommt es knapp zurück. „Is this O.K. for you?“ ist unsere Frage. „It’s perfekt!“ kommt zurück. Und kurze Zeit später geht ca. 100 Meter vor uns eine große weiße Wand durch.

Ab jetzt geht es ohne besondere Vorkommnisse weiter. Der Wind hat immer östlichere Tendenzen und wird schwächer. Wir werden so unseren Kurs nicht halten können, um direkt in die Bucht von Riga einzufahren. Also wird Ventspils in Lettland als Ansteuerungspunkt genommen. Der Skipper plant, dort eine Pause einzulegen und dann in der Nacht weiter zu fahren.

Wir erreichen den Hafen kurz vor 22.00 Uhr und wollen nur kurz anlegen, kochen, uns ausruhen und dann gleich weiter fahren. In diesem Sinne steuern wir irgendeine Hafenmauer an. Kurz nachdem die Leinen fest sind, erscheint ein klappriges Auto. Der Fahrer bedeutet uns, dass wir uns hinüber in den Yachthafen zu verholen haben und einklarieren müssen. Lettland ist im Juni 2007 noch nicht in dem Schengener Abkommen beigetreten. Hier dürfen wir nicht liegen bleiben, auch nicht kurz. Die Aussicht auf die langwierigen Formalitäten einer Einreise gefällt uns gar nicht. Wir fassen den Entschluss den Hafen zu verlassen. Wir fahren unter Motor eine halbe Stunde die Küste hinauf, drehen bei und beginnen mit dem Kochen.

Um 22.30 Uhr geht die Sonne grandios am Horizont unter. Auch als wir später beim Essen sitzen wird es noch lange nicht dunkel. Nach Mitternacht geht es weiter die Küste hinauf.

Sonnenuntergang um 22.14 Uhr

Sonnenuntergang um 22.14 Uhr

Sonntag, 03.06.

Kurz nach 05.00 Uhr sitze ich wieder an Deck. Die Yacht krängt stark. Der Steuermann versucht, in die Buch von Riga hinein zu kreuzen. Die Sonne scheint, es weht ein herrlicher Wind, aber wir kommen einfach nicht um das Kap von Kolka herum. Unsere Schläge gehen weit hinauf bis fast zur estnischen Insel Sareema. Aber die Höhe, die wir gewinnen, geht auf dem Rückweg meist schon wieder verloren. Es ist wie verhext. Der Wind scheint bei jedem Versuch so zu drehen, dass wir geradewegs zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen. Aber trotzdem macht es Spaß. Endlich segeln!

Wir fahren jedes Mal auf die Küsten zu und wenden bei der zehn Meter Linie, um nicht auf Steine aufzulaufen. Langsam wacht die Mannschaft auf und kommt an Deck. Ich könnte mich jetzt ablösen lassen, aber es ist viel zu schön hier draußen, um wieder in die Koje zu kriechen. Mein Wachkamerad legt sich mit dem Kopf zum Heck auf die Cockpitbank. Gerade ist er eingeschlafen, als sich eine Welle über die Sprayhood genau in sein Gesicht ergießt.

Bis zum Mittag schaffen wir es zwar in die Bucht hinein, aber der Wind dreht immer weiter auf Südost. Irgendwann beschließt der Skipper unter Motor weiter zu fahren, damit wir Riga heute noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Die Ansteuerung soll navigatorisch anspruchsvoll sein. Es dämmert schon, als wir wenige Seemeilen vor der Einfahrt auf eine große Reede stoßen. Hier liegen riesige Pötte vor Anker – teilweise nur schwach beleuchtet. Manche suchen noch nach einem Ankerplatz, kommen dabei aus allen Richtungen und fahren im Kreis um die Reede herum. Man kann nicht vorhersehen, wohin sie wollen. In die Linien der ein- und auslaufenden Großschifffahrt wollen wir aber auch nicht geraten. Endlich ist die Ansteuerungstonne erreicht und die Kurse der anderen Schiffe sind jetzt besser einzuschätzen.

Inzwischen ist es dunkel geworden und alles wird noch komplizierter. Riga liegt nicht direkt am Meer, sondern sieben Seemeilen flussaufwärts an der Daugava. Die ganze Strecke hinauf gibt es schon Hafenanlagen, deren helle Lampen von weitem zu sehen sind und die die Abschätzung der Entfernung sehr erschweren. Die Mündung des Flusses ist an beiden Seiten mit langen Mauern geschützt, aber man kann nicht einfach geradeaus in den Fluss einfahren. Wir haben die Küste an Steuerbord querab und versuchen, das erste Richtfeuer in eine Linie zu bekommen. Zu weit ins Fahrwasser wollen wir wegen den ein- und auslaufenden Frachtern und Fähren aber auch nicht geraten. Als die beiden Lichter gerade beginnen übereinander zu liegen, dreht der Steuermann das Schiff um 90° und fährt am äußeren Rand der Richtfeuerlinie auf die Hafenmauern zu. Das vor uns liegende Fahrwasser ist befeuert, aber es schlängelt sich. Backbord- und Steuerbordtonnen liegen von uns aus gesehen teilweise in einer Linie. Es erscheint uns so, als ob sowohl links als auch rechts rote und grüne Lichter leuchten. Dazu kommen die unzähligen Einfahrten der kleinen Nebenhäfen, überall blinkt es und wir hangeln uns Zickzack anhand der sehr schwer erkennbaren Richtfeuer weiter. Immer wieder ist man versucht, einfach auf eine grüne Tonne zuzufahren und sie an Steuerbord liegen zu lassen, bis man erkennt, dass die rote, die man dahinter wähnte, davor liegt und man fast aus dem Fahrwasser geraten ist. Ganz plötzlich erscheinen links neben uns hell erleuchte Hafenanlagen, die eben noch nicht da waren. Wir hatten das Backbordlicht eines Frachters neben uns für eine Backbordtonne gehalten. Jetzt hat er uns passiert und gibt den Blick auf das Ufer frei. Es ist unheimlich und spannend zugleich.

Endlich erreichen wir einen gerade verlaufenden Fahrwasserabschnitt, als an Steuerbord ein Hindernis mit Weihnachtsbeleuchtung auftaucht. Ein Bagger. Wie im Lehrbuch. Nur, dass dort immer schön zu erkennen ist, an welcher Seite die roten und die grünen Lichter sind. In der Praxis sieht das ganz anders aus. Er arbeitet und seine Arbeitslampen, die ihm die Baggerstelle ausleuchten, strahlen genau in unsere Richtung und blenden. Er steht quer zu uns, so dass die roten und grünen Passierleuchten in einer Linie liegen. Man kann nicht erkennen, ob sie sich links oder rechts unter den darüber stehenden rot-weiß-roten Lichtern befinden. Wir fahren langsam auf das schnaufende Ungetüm zu und versuchen uns zu orientieren. Endlich dreht er sich etwas und wir erkennen, was wir schon vermutet haben: Wir müssen ihn an Steuerbord liegen lassen, aber jetzt sind wir schon zu nah dran. Es gibt einen Schlag der durch das ganze Schiff geht. Schrecken macht sich breit. Aufgelaufen scheinen wir nicht zu sein, denn die Yacht fährt weiter. Irgendetwas ist gegen den Rumpf geknallt. Die Notrolle läuft an und jeder schaut an der ihm vor Fahrtantritt zugewiesenen Stelle nach, ob Wasser ins Schiff eindringt. Nichts. Glück gehabt. Aber was war das? Wir können in unserem Kielwasser nichts entdecken. Die Lösung des Rätsels geht uns auf, als wir am übernächsten Morgen bei Tageslicht wieder auslaufen.

Montag, 04.06.

Der Skipper schickt jemanden zum Ausguck auf den Bug. Die Fahrt geht langsam weiter. Inzwischen ist es weit nach Mitternacht und wir haben nicht einmal die Hälfte der Strecke den Fluss hinauf bis Riga geschafft. Es geht weiter – vorbei an hell erleuchteten Hafenanlagen. Schiffe werden be- und entladen, mal liegt Kohlestaub in der Luft und mal riecht es ungesund. Flussaufwärts taucht eine Brücke auf und unterhalb davon liegt ein Kreuzfahrtschiff an der Pier. Wir halten darauf zu und entdecken gerade noch rechtzeitig an Backbord die unbeleuchtete Einfahrt für den Yachthafen von Riga. Wir biegen ab und müssen feststellen, dass die ganze Marina dunkel ist. Die Straßenlaternen verschwinden hinter dicken Bäumen und das hell erleuchtete Kreuzfahrtschiff liegt hinter dem Terminal.

Mithilfe des Handscheinwerfers legen wir am Schwimmsteg an und schrecken mit unseren Manövern die Skipper der anderen Yachten aus den Kojen. Endlich sind wir fest. Wir ragen zwar mit unserer langen Yacht weit über die Fingerstege hinaus, aber hier ist es windgeschützt und wir sind zu müde, um noch einen anderen Liegeplatz zu suchen. Es dauert zwar noch einige Zeit bis das Adrenalin aus den Adern ist, aber dann fallen alle in tiefen Schlaf.

Am Morgen klopft es an die Bordwand. Der Zöllner steht auf dem Fingersteg neben der Yacht und möchte eine Crewliste und die Pässe von allen Besatzungsmitgliedern. Alles ist vorbereitet und der Skipper springt mit den Papieren in der Hand vom Deck auf das Ende von dem dünnen Schwimmsteg. Der Zöllner wird in die Luft katapultiert und kann sich nur mit einem Griff an unsere Reling vor einem Sturz ins Hafenbecken retten. Jetzt müssen alle Crewmitglieder aus ihren Kojen und einzeln nach Aufruf ihre Personalausweise zeigen. Der Beamte lässt sich Zeit dabei.

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Nach dem Frühstück gibt uns der Skipper Gelegenheit, die Stadt zu erkunden. Heute ist der erste richtig warme Tag in Riga in diesem Jahr. Die jungen Damen veranstalten den Wettbewerb „Wer hat den kürzesten Minirock?“. Dazu tragen sie Schuhe mit unglaublichen Absätzen, mit denen sie gekonnt über das mittelalterliche Kopfsteinpflaster schweben, als wäre es ein Laufsteg. Nach einer Woche auf See haben wir deshalb nicht wirklich ein Auge für die anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ständig sind wir abgelenkt.

Wir schaffen es aber doch zum Marktplatz mit dem Rathaus und dem Schwarzhäupterhaus, besuchen den Dom und die Jakobskirche, lassen uns durch die Straßen der Altstadt und vorbei an den wunderschönen Jugendstilfassaden der Neustadt treiben. Wir sehen das Schloss sowie das Freiheitsdenkmal und machen in den Parks auf den ehemaligen Festungsanlagen Pause. Alles in allem viel zu viel für einen einzigen Tag. Ich beschließe, noch einmal herzukommen. Zum Schluss kaufen wir ein und brauchen danach zwei Taxen, um unseren Proviant und uns zurück zum Schiff zu schaffen. 2007 ist in Riga noch alles unglaublich billig. Eine Schachtel Zigaretten kostet umgerechnet ca. 50 Cent. Wir werden unsere im Geldautomaten gezogenen Devisen kaum los. Das letzte Mal ist mir das Anfang der 80er Jahre in Ostberlin mit der zwangsweise umgetauschten DDR-Mark passiert.

Nach einer kurzen Ruhepause an Bord führt uns der Skipper am frühen Abend in ein Restaurant außerhalb der Stadt. Für zehn Cent nehmen wir die Straßenbahn. Auf Nachfrage erklären uns die Letten an der Haltestelle, dass das für sie teuer sei. Die Fahrt in die Vororte offenbart die sozialen Diskrepanzen in der Stadt. In der Innenstadt war alles sauber und schick und man hörte fast nur lettisch. Weiter draußen tauchen die Plattenbauten „Made in DDR“ auf. Waren die begehrten Neubauwohnungen für die russischen Besatzer zu Sowjetzeiten ein Privileg, sind die ungeliebten Mitbürger des neuen Lettlands dort jetzt ghettoisiert und von dem sich bildenden Wohlstand abgeschnitten. Viele Fahrgäste in der Bahn wirken betrunken, einer sogar so sehr, dass er an jeder Haltestelle aus dem Waggon zu fallen droht. Endlich erreichen wir unser Ziel. Es handelt sich um ein großes eingeschossiges Gebäude im Blockhausstil in einer Art Gewerbegebiet. Irgendwo in der Nähe soll die Daugava befinden, der durch Riga fließende Fluss, aber man sieht sie von hier aus nicht. Es ist brechend voll, der Biergarten vor dem Restaurant quillt vor Menschen über. Was die Menschen hierher zieht, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Drinnen wird dann alles klar. Man kann man sich an verschiedenen Theken bedienen und bezahlt am Ausgang nach Gewicht. Es werden viele landestypische Gerichte angeboten. Fleisch in unglaublichen Mengen, wunderbarer Fisch und alle Sorten Gemüse. Gerade hat man sich entschieden, da entdeckt man wieder etwas Neues. Man müsste eigentlich wochenlang herkommen, um alles durchprobieren zu können. Wir wollen nur ja nichts verpassen und türmen alles auf unsere Tabletts. Verstärkt wird der Drang zum Schaufeln dadurch dass wir uns in der letzten Woche kulinarisch nicht gerade verwöhnt haben. Am Ausgang lauert noch das Kuchenbüffet. Gebäck hatten wir auf den ganzen Törn bisher noch nicht. Beim Stückpreis von 30 Cent wird auch dort mehrfach zugeschlagen. Die Letten schütteln nur den Kopf über uns.

Zurück auf unserer Yacht genießen wir das lange Abendlicht und das letzte aus Deutschland mitgebrachte Fässchen Bier. Es wird von langen Beinen geschwärmt und über die Erlebnisse der letzten Woche diskutiert. Wir haben es tatsächlich in so kurzer Zeit nach Riga geschafft, trotz aller Widrigkeiten unterwegs.

Dienstag, 05.06.

Wir sind früh aufgestanden und warten ungeduldig auf den Mann, den wir zum Ausklarieren geschickt haben. Der Zoll ist aber damit beschäftigt, die gesamten Passagiere des Kreuzfahrtschiffes, das gleich auslaufen soll, abzufertigen. Erst am späten Vormittag können wir ablegen.

Jetzt bei Tage ist es gar kein Problem die Daugava hinunter zu fahren. Wir sehen die schwarz rauchenden Schornsteine, die wir im Dunkeln nur gerochen haben, die Kohleterminals und die heruntergekommenen Lagerhallen. An Backbord taucht irgendwann der Bagger auf und wir erkennen, was wir da in der Nacht touchiert haben müssen. Das „schwimmende Gerät bei der Arbeit“ ist sorgfältig verankert. In alle Richtungen gehen Drähte von ihm ab. Und jeder Anker ist mit einem an der Wasseroberfläche schwimmenden leeren Kanister als Ankerboje gekennzeichnet – leider nicht beleuchtet. Wir sind wohl über einen von ihnen hinübergefahren. Welch ein Glück, dass wir uns nicht mit Kiel, Ruder oder Schraube in einer der Anker- oder Bojenleinen verfangen haben!

Bagger bei Tag

Bagger bei Tag

Draußen in der riesigen Bucht von Riga weht ein schwacher Wind. Verwunderlicher Weise einmal aus der richtigen Richtung und wir können segeln. Die Sonne scheint, wir kommen zwar nicht schnell, aber gut voran. Ein Segeltag wie im Bilderbuch! Am Abend sitzen wir beim Essen im Cockpit, während die Sonne grandios im Meer versinkt.

Mittwoch 06.06.

Als ich zum Wachwechsel aufstehe, ist die Sonne wieder aufgegangen. Der Crew an Deck ist gerade nicht ganz klar, wo wir uns genau befinden. Der Wind ist eingeschlafen und wir fahren unter Motor. Wir sind irgendwo auf der Höhe der Insel Saarema und fahren auf die Enge zwischen der Insel Muhu und dem Festland zu. Die Insel dahinter scheint durch das Morgenlicht zum Greifen nahe – so, als würden wir fast auflaufen. Auch die in der Karte am Ufer eingezeichneten Windräder verstärken diesen Eindruck. So können wir den vorgegebenen Kurs nicht halten. Der Skipper wird geweckt. Der stellt dann fest, dass wir noch weit von der Insel entfernt sind und der Steuermann optisch getäuscht wurde.

Aber jetzt macht etwas anderes Sorgen. Wir wollten gestern eigentlich tanken, waren dann aber nach dem verspäteten Ausklarieren so in Eile, dass wir es vergessen haben. Bis hinauf nach Tallinn gibt es eigentlich keinen Yachthafen mehr auf unserem Weg. Wir überlegen in den Hafen der kleinen Fähre in Virtsu einzulaufen, verwerfen den Plan aber, weil wir vermuten, dort frühmorgens um 06.00 Uhr keinen Tankwart anzutreffen – wenn es überhaupt eine Zapfsäule gibt. Und wahrscheinlich müssen wir erst in einem Zollhafen einklarieren, bevor wir anlegen dürfen.
So tuckern wir mit einem etwas mulmigen Gefühl durch die wunderschöne Inselwelt Estlands. Der Wind ist inzwischen komplett eingeschlafen, die See spiegelglatt. Das Fahrwasser ist eng und tückisch. Deshalb zählen wir die Tonnen. Meist sind es nur grüne Stangen, die die Steuerbordseite des Fahrwassers kennzeichnen. Das nächste Seezeichen ist weit entfernt im glitzernden Wasser nur schwer auszumachen. Außerdem lauern überall dicht unter der Wasseroberfläche liegende Steine.

Die Crew samt Skipper ist an Deck, um die Sonne zu genießen. Plötzlich erkennt jemand etwas Blinkendes weit draußen in unserem Kielwasser. Im Gegenlicht ist nicht zu erkennen, was es ist. Als es sich bis auf hundert Meter nähert, identifizieren wir es als estnisches Behördenboot. Die sich auf dem Dach drehende Radarkeule blinkt im Sonnenlicht. Wir verlangsamen unsere Fahrt. Das Boot fährt inzwischen querab an unserer Backbordseite in Rufweite. Der Kommandant hält sein Funkgerät hoch und zeigt an, dass er uns sprechen will. Der Skipper geht unter Deck und erfährt, dass die estnischen Behörden uns schon seit einiger Zeit auf dem Radar sehen und versucht haben, uns über Funk anzurufen. Bei den lauten Motorgeräuschen haben wir sie an Deck nicht gehört. Nachdem wir unsere Flagge und den Zielhafen angegeben haben, dreht das graue Boot ab und verschwindet bald wieder hinter uns im Glitzerlicht.

Es wird heiß an Bord. Die einzige Abwechslung, die sich uns bietet ist eine Robbe, die neben dem Boot kurz auftaucht und ihren Kopf aus dem Wasser steckt. Die Tanknadel wandert immer weiter nach unten. Am späten Nachmittag kommt endlich Tallinn in Sicht. Mit dem letzten Tropfen Diesel im Tank passieren wir eine große Reede und das Verkehrstrennungsbiet, das die von Helsinki kommenden Schnellfähren befahren. Mit riesiger Bug- und Heckwelle schießen sie auf uns zu. Hier dürfen wir jetzt auf keinen Fall liegenbleiben – aber es geht gut! Wir erreichen den ehemaligen Olympiahafen von 1980 auf der anderen Seite der Bucht. Als erstes laufen wir die Tankstelle an. Das ist gar nicht so leicht, weil gerade die Mittwochsregatta des Clubs zu Ende geht und alle Yachten, teilweise unter Segeln, einlaufen und unseren Weg kreuzen. Die Literanzeige an der Zapfsäule läuft und läuft. Als der Diesel endlich gebunkert ist, steht fest, dass wir sagenhaftes Glück hatten, es bis hierher geschafft zu haben. Für ein Anlegemanöver hätte es wahrscheinlich nicht mehr gereicht.

Olympiahafen Tallinn

Olympiahafen Tallinn

Der Sporthafen hat den Charme von Kiel Schilksee. Vielleicht ist er sogar vom gleichen Architekten entworfen worden. Leider konnten unsere Segler damals nicht an der Olympiade von 1980 teilnehmen. Zum Glück ist das lange her und wir freuen uns, dieses Land jetzt einfach so bereisen zu können. Der Beitritt Estlands zum Schengener Abkommen steht im Juni 2007 kurz vor der Tür und dann sind auch solche Erlebnisse, wie wir sie heute mit dem Zollboot hatten, Geschichte. Jetzt müssen wir aber noch einklarieren. Doch vorher verjagt uns eine Yacht von unserem Liegeplatz. Wir hatten bei der Einfahrt die Gastliegeplätze übersehen und waren hier einfach in eine leere Box gefahren. Jetzt müssen uns noch einmal verholen. Da die Mooringbojen für unser langes Schiff wieder zu nah an der Pier sind, gehen wir längsseits und belegen damit mindestens drei Liegeplätze. Zwei nachkommende Yachten denken, das müsste so sein und machen es uns nach. Damit ist der Hafen voll.

Nach dem Abendessen kommen wir mit unseren Nachbarn ins Gespräch. Sie berichten davon, dass den ganzen Nachmittag irgendwelche Idioten vom Zoll über Funk angerufen worden wären. Die hätten aber nicht geantwortet. Wir wechseln schnell das Thema.

Donnerstag, 07.07.

Tallinn

Tallinn

Der Bus bringt uns nach dem Frühstück bequem ins Zentrum von Tallinn. Dort herrscht schon reges Treiben. Drei Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen und haben ihre internationalen Passagiere ausgeschüttet. Alle strömen in die Altstadt, die von der historischen Stadtmauer umfasst ist. Im Zentrum befindet sich das im 13. Jahrhundert errichtete gotische Rathaus. Der ganze Platz, auf dem es steht, ist umrahmt von prachtvollen historischen Gebäuden. Um dem Trubel etwas zu entfliehen, zieht es uns in die wunderschönen Gassen der Altstadt. Überall gibt es schöne kleine Geschäfte und Cafés. Zur Straße hin ist jeweils alles saniert und gerade ist man dabei, die wenigen noch fehlenden Hinterhöfe herzurichten. Wir steigen den Domberg zur Alexander Newski Kathedrale hinauf und bewundern von hier oben den herrlichen Blick auf die Stadt, den Hafen und das Meer.

Später sitzen wir im Cockpit unserer Yacht. Gegen 23.00 Uhr zaubert die untergehende Sonne ein unglaubliches Farbenspiel an den Horizont. Morgen ist der letzte Segeltag unserer Reise und darum versuchen wir, den heutigen Abend noch so lange wie möglich zu genießen.

Freitag, 08.06.

Wir verlassen unseren Hafen früh am Morgen. Die Strecke nach Helsinki ist zwar nicht mehr weit, aber wir wollen wenigstens am letzten Tag noch so viel wie möglich segeln. Auch wenn mal wieder kaum Wind weht, wollen wir uns das nicht nehmen lassen. Wir halten uns schön aus den Fährlinien heraus. Die Schnellfähren brausen im Halbstundentakt an uns vorbei, denn heute ist Freitag und die Finnen reisen zum Alkoholkauf nach Estland, aber sie kommen nicht nur mit großen Schiffen: Eine ganze Armada kleiner Motorboote läuft auf uns zu. Und plötzlich ist sie da – die Einfahrt in die Schären vor Helsinki! Erst versuchen wir es unter Segeln, aber man kann die kleinen Hafenfähren, die ganz plötzlich hinter den Felsen hervorschießen, nur schwer einschätzen. Ausweichen ist wegen der vielen links und rechts knapp unter der Wasseroberfläche liegenden Steine nicht möglich und das Fahrwasser ist eng. Wir bergen das letzte Mal die Segel, ein Mann wird zum Ausguck auf den Bug gestellt und dann versuchen wir, in diesem Felsenlabyrinth den Wasserweg zum Yachthafen zu finden. Es geht vorbei an alten Festungsanlagen, riesigen Eisbrechern, Industriegebieten und Ölterminals. Und dann liegt endlich die Stadt vor uns.

Der Yachthafen befindet sich direkt im Zentrum querab zum Hauptbahnhof. Er liegt links und rechts einer Brücke, mit der eine davorliegende Insel mit dem Festland verbunden ist. Wir entscheiden uns, die Insel an Backbord liegen zu lassen, werden dann aber bei der Ankunft vom Hafenmeister darauf hingewiesen, dass sich die Gastliegeplätze auf der anderen Seite befinden. Also müssen wir noch einmal ablegen und außen an der Insel entlang hinüberfahren. Etwa 30 Meter vom Ufer entfernt stehen weiße Stangen mit einem gelben Streifen in der Mitte im Wasser. Keiner kennt ihre Bedeutung. Der Steuermann ist ungeduldig und will an der letzten Spitze der Insel eines der Seezeichen an Backbord liegen lassen. Sofort meldet sich der Tiefenalarm und wir fahren lieber wieder rückwärts zurück. Auf der Insel befindet sich ein Park mit Liegewiese und die Stangen kennzeichnen das flache Badegebiet am Ufer. Das wäre es gewesen – nach so vielen Seemeilen nur 300 Meter vorm Ziel noch aufzulaufen!

Wir kommen heile an, machen klar Schiff und klar Mann und trinken unser wohlverdientes Anlegerbier. Danach erkunden wir die Stadt, essen an Bord und schlafen die letzte Nacht auf unserer Yacht.

Samstag, 09.06.

Kurz nach dem Frühstück stehen schon die ersten Mitglieder unserer Nachfolgercrew mit ihren Rolltaschen an der Pier. Ein komisches Gefühl, unser Schiff an diese völlig fremden Menschen zu übergeben, aber wir überlassen Yacht und Skipper ihrem Schicksal und gehen von Bord. Ich will noch eine Nacht bleiben, um mir die Stadt anzusehen.

Hafenrundfahrt Helsinki

Hafenrundfahrt Helsinki

Der Sommer hat jetzt auch Helsinki erreicht. Die bleichen Finnen kommen aus ihren Häusern und das Leben findet draußen statt. Sambaschulen aus dem ganzen Land ziehen durch die Straßen. Ihr Treffpunkt ist der Platz unterhalb von dem weithin sichtbaren weißen Dom, wo eine große Bühne aufgebaut ist. In welche Stadt sind wir eigentlich gesegelt? Helsinki oder Rio?

Ich spüre ein sich verstärkendes Schwindelgefühl. Mein Gleichgewichtsorgan schaukelt innerlich noch weiter – als wäre ich auf dem Wasser, aber die Beine melden festen Boden unter den Füßen. Ich bin landkrank. Ich versuche zuerst das Seegefühl in der Badewanne im Hotel zu simulieren. Als das nichts hilft, mache ich eine Hafenrundfahrt. Sofort fühle ich mich wieder wohl.

Samba in Helsinki

Samba in Helsinki

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